dampflok-frei

Es gibt Artikel, wo selbst der Autor mehrmals in den Unterlagen des Archivs nachlesen muss – um glauben zu können, was er berichtet.

Der Anlass waren Bilder großer Hochseefischernetze, die um 1890 im 19. Bezirk von Wien repariert wurden. Hochseefischerei Netze in Wien – wie passt das zusammen?

 

Die Recherche führte weiter und wurde immer „seltsamer“: ausgehend von dem einzigen fest gemauerten Haus am Kaspischen Meer führte man per Dampfzug leicht verderbliche Ware über tausende Kilometer – ohne Kühlschrank oder Kühlmöglichkeit. Wie? Ganz einfach: alle 400 Kilometer (entsprechend der Tagesleistung eines Dampfzuges um 1900) wurden Eisgruben angelegt, wo das Eis des Winters von den Seen oder Flüssen geschnitten wurde und in großen Mengen in aus Stein gehauenen Kellern oder Gruben gelagert wurde. Diese Eisgruben erlaubten, bis zum nächsten Winter im Eis zu kühlen. Der Transport für die ca. 3.300km vom Kaspischen Meer nach Wien erforderte 12 Eisgruben.

In Wien wurde sortiert und verpackt und es ging dann nochmals ca. 2.000 Kilometer (5 Eisgruben) weiter.

Unfassbar eigentlich, dass ein besonderer Mann diese Genussstrecke anlegte, um dem Zarenhof den Kaviar zu liefern! Allein der Gedanke an den Aufwand für Verwaltung, Bau und Logistik (ohne Telefon!) um auf über 5.000 Kilometer Stecke das Beste zu liefern – das ist heute kaum nachvollziehbar. Die Hochseenetzherstellung und Reparaturen wurden aus Qualitätsgründen unter präziser Aufsicht in Wien hergestellt. 2 Strecken a 3.300 Kilometer, in Summe 6.000 Kilometer Transport – nur für die Fischernetze!

Der Mann war Johann Kattus – Der Edelhändler der alten Welt.

Der die in Watte gelegten Südtiroler Äpfel der Sorte „Weißer Winterkalvill (Calville)“ quer durch das alte Europa verkaufte, die besten Fischereirechte im Kaspischen Meer hatte und der Monopolist – nicht nur des Zarenhofes – für Kaviar war. Die Bestätigung über diese Lieferungen an den Zarenhof nach St. Petersburg findet sich 1890 in der Literatur des italienischen Pomologen G. Molon.

 

Aber er lernte auch die Witwe Clicquot kennen, die in Frankreich Champagner herstellte.

Diese enge Beziehung führte zu dem Gedanken, in Klosterneuburg ebenso eine Champagner-Erzeugung zu entwickeln.

Denn die Champagne liegt auf dem gleichen Breitengrad – und Klosterneuburg noch dazu südlicher; also die Grundvoraussetzung war da, so wie auch der hohe Standard des Weinwissens in Österreich, wo das erste Weininstitut der Welt von Freiherr von Babo gegründet wurde (Wussten Sie zum Beispiel, dass Geisenheim – heute eines der führenden Institute der Weinwelt – als Außenstelle von Klosterneuburg aus gegründet wurde?).

Für Kattus gab es weder beim Kaviar noch bei den in Watte gelegten Äpfeln aus Südtirol Qualitätskompromisse; deshalb war die beste Lage von Klosterneuburg gut genug. Der Weingarten wurde mit einer – leider aus irgendwelchen Gründen des Weinanbaugesetz bestimmten – Sorte, dem großen „Österreichisch Weiß“ erzeugt, der als Grundwein diente und der einen weiteren Welterfolg zusätzlich zum Kaviar und dem Monopol auf die Südtiroler Apfelsorte „Weißer Winterkalvill (Calville)“ sicherte.

Seine Verfahren waren viel präziser als jene in der Champagne und sein Produkt wurde zu 100 Prozent aus Wein hergestellt; denn bis 1965 war ein bestimmender Anteil von Apfelwein im Champagner normal und gesetzlich geregelt.

Diese Realität aus heutiger Sicht: mit „Dampfrössern“ wie sie manchmal noch in Museen zu finden sind, mehrmals 5.000 Kilometer, mit Eisgrubenstationen ausgerüstet, von Wien aus zu planen und umzusetzen nur um Kaviar zum Zarenhof und dem Adel der Alten Welt zu liefern. Welcher Aufwand, welche Kosten dazu nötig waren, ist nicht nachzuvollziehen. Ebenso mit den Äpfeln aus Südtirol. Der Kattus Champagner: damals war Champagner die natürliche und gebräuchliche Bezeichnung von Schaumweinen – ein Welterfolg.

Allerdings wie im Report über die Erzeugung des echten Ausbruchs (mit 8 bis 10 kg Mann Tagesleistung) gezeigt: für den Adel gab es keine Grenzen, die Kosten für besondere Genüsse waren völlig nebensächlich. Diese Wege sind heute weit von allen Vorstellungen entrückt!

Die Kattus Sekterzeugung

Fast ein „Relikt“ – aus der Zeit der wertvollen Genüsse, die nur ganz wenigen vorbehalten waren.

Was einst Kaiser und Königen, sowie dem hohen Adel vorbehalten war, findet sich 2016 noch immer in einer Flasche Kattus Sekt.

An der Philosophie von Kattus hat sich seit 1857 nichts geändert: erfolgreich und einst weltumspannend, mit extremen Qualitätsstreben – um mit den Besten in Konkurrenz der gesamten Alten Welt die absolute Spitze zu bieten. Der Genuss dieser kleinen „Juwelen“ führt in den Bereich der verklärten Träume von einer Zeit, die heute nicht mehr vorstellbar ist.

Natürlich hat sich das Unternehmen an das Design des Moments angepasst, aber der Inhalt ist unter der Prämisse von 1890 (wo Zeit und Kosten nicht einmal ansatzweise berücksichtigt werden mussten) gleich geblieben!

Wenn Sie Zeit finden tauchen Sie in diese vergessenen Welt im Rahmen einer Kellerführung ein – die mehr darstellt als eine Besichtigung, es ist eine Art Zeitfenster – voll von Poesie, Romantik – zeigt  aber auch mit welcher Konsequenz Qualität ohne technisch physikalische Hilfen erreicht werden kann.

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